Trobadora Linkerhand im Sommerstück
Zu einer weiblichen Literaturgeschichte der DDR
Wer über eine weibliche Literaturgeschichte der DDR nachdenkt, dem fällt sofort Christa Wolf ein - sie ist trotz aller Versuche, ihre Werke als "Gesinnungsästhetik" klein zu reden, die bis heute mit Abstand erfolgreichste und berühmteste Autorin der DDR und sogar ein Synonym für DDR-Literatur überhaupt. Auch Anna Seghers dürfte im öffentlichen Bewusstsein noch einigermaßen präsent sein. Doch neben diesen beiden fallen einem auf die Schnelle eigentlich nur noch Männer ein: Brecht und Becher, Stephan Hermlin, Hermann Kant, Heiner Müller natürlich. Volker Braun, Peter Hacks. Heym. Und Strittmatter, Fühmann, Plenzdorf. Sie haben die Literatur zwischen 1945 und 1989 geprägt.
Aber das hieße, Brigitte Reimann, Irmtraud Morgner, Helga Schütz, Rosemarie Zeplin in den Schatten der Männer, in die zweite Reihe zu stellen. Und da gehören sie zweifellos nicht hin. Die genannten Autorinnen sollen uns daran erinnern, wie reichhaltig und beeindruckend die weibliche Literaturgeschichte der DDR ausgesehen hat.
Mehr als nur "Das siebte Kreuz"
Anna Seghers (1900-1983) muss nicht lange in Erinnerung gerufen werden, weil ihr Roman "Das siebte Kreuz" aus guten Gründen in der DDR zur Schullektüre zählte und Fred Zinnemanns Verfilmung mit Spencer Tracy die Flucht der sieben KZ-Häftlinge eindrucksvoll in Szene setzte. Noch heute liest man dieses 1942 erschienene Zeugnis des Widerstands gegen die Nazis mit Beklommenheit, mit Ergriffenheit.
Die promovierte Kunsthistorikerin Anna Seghers hatte Mitte der 20er Jahre begonnen, sich einen Namen als Autorin zu machen ("Aufstand der Fischer von St. Barbara"), war 1928 der KPD und ein Jahr darauf dem Bund proletarisch-revolutionärer Schriftsteller beigetreten, in dessen Zeitschrift "Die Linkskurve" sie gelegentlich veröffentlichte.
Als 1933 dann auch ihre Bücher verbrannt wurden, war sie mit ihrer Familie bereits auf der Flucht, die sie über Paris und Marseille 1941 schließlich nach Mexiko führte. Hier entstand der Jahrhundert-Roman Transit (1944), der in seiner "Übernahme des Kafkaschen Erbes" (Hans-Bernhard Moeller) das labyrinthische Marseille von 1940/41 zum Sinnbild einer kaputten Welt aus Vertreibung und Bedrohung macht. Wer wollte sich Heinrich Böll nicht anschließen, der bezweifelte, "ob unsere Literatur nach 1933 viele Romane aufzuweisen hat, die mit solch somnambuler Sicherheit geschrieben, fast makellos sind." Der Autorin sei etwas "kaum Erklärbares" gelungen, nämlich "mit realistischen Mitteln das Unwirkliche der Situation, das Abstrakte des verrückten Transit-Begehrens, Transit-Verweigerns zusammenzustellen", ein historisch-realistischer Roman, der "Saga, Epos und Mythos zugleich ist". Dass er erst mit Verspätung 1964 in der Bundesrepublik erschien, sagt viel über das geistige Klima dieser Jahre aus. Von Mexiko kehrt Anna Seghers 1947 nach Berlin zurück und schlägt die Brücke von der antifaschistischen Exil- zur frühen DDR-Literatur. Dass sie in ihren 27 Jahren als Präsidentin des Schriftstellerverbandes nicht immer froh werden konnte und sich kulturpolitische Einseitigkeiten der SED auch negativ auf ihre Arbeiten auswirkten, muss notiert werden - sollte aber nicht den Blick darauf verstellen, dass sie nach ihren bisherigen Erfolgen auch weitere bedeutende Texte geschrieben hat.
Leider konnte sie aber mit "Die Toten bleiben jung" (1949) das künstlerische Niveau ihrer Exil-Romane nicht halten, auch wenn dem Text doch ein gewisser Rang als Epochenbild des Faschismus zukommt. Während man die blutarmen, schematischen Romane "Die Entscheidung" (1959) und "Das Vertrauen" (1968) getrost im Regal stehen lassen kann, gilt dies nicht für die Erzählungen. Eben in der kleineren Form konnte Anna Seghers wieder an ihre Hauptwerke vor 1947 anknüpfen.
Sonja Hilzinger hat darauf hingewiesen, dass sich Anna Seghers nach dem sogenannten "Kahlschlag-Plenum" von 1965 "auf ihre Weise gegen die Reglementierung und Ideologisierung von Kunst zur Wehr setzte" und den verordneten Realismus-Begriff als unzulänglich, ja weltfremd zurückwies. Und so können sich E. T. A. Hoffmann und Nikolai Gogol um 1922 in einem Prager Café verabreden und dabei ganz zufällig den unbekannten, todkranken Autor Franz Kafka treffen. Diese phantastische Ausgangssituation der "Reisebegegnung" (1972) eröffnet die Möglichkeit für zahlreiche literaturgeschichtliche Anspielungen, aber auch unverstellte literaturkritische Angriffe: "Schuldig nenne ich die", sagt Hoffmann zu Gogol, "die Sie hindern wollen, die Wahrheit zu schreiben. Auch mich hat man oft hindern wollen. Was die Leute für pure Phantasie halten, kann manchmal ein Stück handfeste Wirklichkeit enthalten." Es ist nicht nur amüsant, wie Kafka den beiden Vorgeborenen aus seinem Manuskript des Romans "Das Schloss" vorliest (der in der DDR erst 1965 erschienen war) oder eine kurze Zusammenfassung des "Kübelreiters" liefert, woraufhin Hoffmann und Gogol ganz baff sind. Darüber hinaus legt Anna Seghers dem Prager Genie brisante Sätze in den Mund, die als Schlag ins Gesicht der DDR-Bürokratie gelesen werden konnten: "Ich musste auch über die sonderbare Beamtenschaft schreiben, die im Auftrag einer unbekannten Macht über uns verfügt, aber selbst ganz bedeutungslos ist. Man sieht ihr nicht an, dass sie den Haftbefehl in der Rocktasche trägt." Anna Seghers - die dogmatische Staatsdichterin? Weit gefehlt. Zwischen dem "Prozess", den "Toten Seelen" und "Ritter Gluck" erteilt sie eine Lektion in Sachen Kunst und Literatur, die zudem Humor beweist: Da die beiden älteren Herren keine gültige Währung bei sich haben, muss Kafka die Rechnung bezahlen.
Überfahrt
Zu den bemerkenswerten Texten des Spätwerks gehören ebenso "Das wirkliche Blau. Eine Geschichte aus Mexiko" (1967) und die "Drei Frauen aus Haiti" (1980). Auch "Überfahrt" (1971), knapp als Liebesgeschichte untertitelt, lebt vom Motiv der Emigration in Lateinamerika, die sie mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern durchlebte. So variiert die Erzählung eigene Erfahrungen: als Kind von Flüchtlingen war Ernst Triebel 1938 "kurz vor der Kristallnacht" - ein deutlicher Hinweis auf Seghers´jüdischen Hintergrund - nach Brasilien verschlagen worden, ein halbes Jahr darauf stirbt die Mutter an Typhus, "ihre Sanftheit war weg". Der Junge ist der Verzweiflung nahe, als er Maria Luisa kennen lernt, Auswandererkind wie er, und durch sie beginnt er endlich heimisch zu werden und die neue Sprache zu lernen.
Die Freundschaft der beiden wird zur Liebesgeschichte, aber im Frühjahr 1946 macht sich Ernst, mittlerweile Medizinstudent, nach acht Jahren in Brasilien auf den Weg nach Deutschland, in den Ostteil des zerstörten Landes, wo seinen Vater eine Professur erwartet. Nichts braucht man hier mehr als junge Leute, die lernen wollen, zukünftige Lehrer, Ärzte, um das Land wieder aufzubauen.
Nur schwer kann sich Ernst von seiner großen Liebe trennen, aber die Aussicht, sie später nachzuholen, erleichtert die Entscheidung. Doch was Ernst ihr schreibt über die Menschen, die in Trümmern hausen und sich erstechen wegen eines Brots, das schreckt Maria Luisa mehr und mehr ab. "In so ein verrottetes Land zurückzufahren", darin sieht sie keinen Sinn. So entfernen und entfremden sich die Unzertrennlichen voneinander, sie leben in Welten, die unterschiedlicher nicht sein könnten - das einfache, sonnige Brasilien dort, das komplizierte, geteilte Deutschland hier - und darüber vergehen die Jahre.
Beide leiden unter der Trennung, Maria Luisa trifft einen anderen, heiratet, weint; Ernst erlebt die Teilung Deutschlands, die Gründung der DDR, die Anfänge des sozialistischen Aufbaus, für den er sich zunehmend engagiert, mit wachem Blick für aufkommenden Konformismus: "Um diese Zeit [um 1949] gab es viel mehr Ausspracheabende mit den Studenten als später. Die Aussprachen waren echt. Niemand hielt mit seiner Ansicht hinter dem Berg. [...] Dann hörte man oft krasse und falsche, aber offene und ehrliche Meinungen, während jetzt, nach verhältnismäßig wenig Jahren, die meisten jungen Leute nur vorbringen, was als richtig anerkannt wird." 1951, am Rande einer Ausstellung in São Paulo, wird Ernst aber überraschend mit einer ganz anderen, nämlich der weiblichen Perspektive seiner Liebesgeschichte konfrontiert: Maria Luisa habe immer nur auf ihn gewartet, sei über seine Abwesenheit fast verrückt geworden, und nun, nun sei es längst zu spät, sie sei ertrunken, habe sich vielleicht sogar selbst das Leben genommen - und die Geschichte geht noch weiter ...
Das Ganze wird als Rückblende erzählt, während einer dreiwöchigen Überfahrt von Bahia nach Rostock, der dritten und letzten Überfahrt. Die Überfahrt symbolisiert das Erzählen selbst, den Prozess des Erinnerns und Verstehens, sie stellt den Versuch dar, "im Erzählen zu begreifen". Gleichzeitig lässt sie sich als Bewegung, als Ablösung von der Vergangenheit und als Bekenntnis zur Gegenwart auffassen. In Anna Seghers´ späten Texten geht es manchmal etwas hölzern und holprig zu, bis die alte Sprachkraft wieder da ist: "Wahrscheinlich ändert sich auch ein Mensch in einem Land, in dem alles anders ist als hier. Sogar Maria Luisa hat sich geändert. Nein. Nein. Sie nicht. Was ich auch dachte, längst war der Schnee getaut, die Bäume in meinem Stadtteil wurden grün. Es waren spärliche Bäume." Zwischen "Transit" und der "Überfahrt" liegen mehr als nur die gescheiterten großen Würfe des sozialistischen Realismus: nicht immer perfekte, weil menschliche Texte, im Detail überraschende Aspekte eines kanonisierten, halbvergessenen, unvergessenen Werks.
Christa Wolf
Christa Wolfs Ausnahmestellung innerhalb der DDR-Literatur gründet gleichermaßen in ihren außergewöhnlichen literarischen Fähigkeiten und ihrem Selbstverständnis als Schriftstellerin: sie war "eine moralisch-politische Leitfigur, eine Instanz in der Auseinandersetzung darum, was Sozialismus sei und welche Gestalt er unter den Bedingungen der DDR anzunehmen habe. So ist Christa Wolfs literarisches Werk denn nirgends losgelöst von Politik zu denken." (Frauke Meyer-Gosau) Ihre Bücher waren nicht unterhaltsamer Lesestoff, sondern ästhetisches Engagement für das Land und seine Menschen. Das konnten sie aber nur sein, weil Christa Wolfs subjektiver Zugriff von ihren Leserinnen und Lesern als exemplarische Erfahrung wahrgenommen wurde, um sich dem Alltag, seinen Bedingungen und Möglichkeiten anzunähern, mit ihrem ganz eigenen Ton, der aber für jede(n) nachvollziehbare Wirklichkeit transportierte. Was auch bedeutete, an unausgesprochene Konflikte zu rühren, sich heranzutasten, kritisch, empfindlich, wehmütig, poetisch.
Bei Hans Mayer in Leipzig hatte sie Germanistik studiert, gemeinsam mit Uwe Johnson, der die DDR 1959 verließ und dessen Werk doch untergründig mit dem von Christa Wolf verbunden blieb: "Der geteilte Himmel" (1963) war den "Zwei Ansichten" (1965) von Johnson vorausgegangen, ihr "Nachdenken über Christa T." (1968) hingegen folgt seinen "Mutmaßungen über Jakob" (1959). Beides sind eindringliche Befragungen, Erinnerungen, Versuche von Rekonstruktionen. Nicht zuletzt ist "Nachdenken über Christa T." ein Buch der "Selbstfindung", wie Hans Mayer betont hat, mit Blick auf das vorangestellte Zitat Johannes R. Bechers: "Was ist das: Dieses Zu-sich-selber-Kommen des Menschen?" Die Ich-Erzählerin denkt über ihre mit knapp 40 Jahren an Leukämie gestorbene Freundin Christa T. nach, sie denkt ihrem Leben hinterher. Sie kommt dadurch vor allem auch zu sich selbst und setzt sich erinnernd und erforschend allmählich ein vielschichtiges Bild ihrer Gesellschaft zusammen.
Nachdem sich die beiden Freundinnen in den späten Kriegswirren aus den Augen verloren hatten, treffen sie sich plötzlich in Leipzig wieder. "Auf einmal kam Freude. Und sogar Überraschung traf ein, verspätet wie immer. Ein Wunder! Wenn es Wunder gab, war dies eins. Und wer sagt denn, dass wir nicht darauf gefasst waren und ihm mit halben Sätzen ungebührlich begegneten? Wir standen an der Straßenbahnhaltestelle und begannen zu lachen. Alle die Tage, die auf einmal vor uns lagen! Wir sahen uns an und lachten, wie über einen gelungenen Streich, wie über ein ausgekochtes Schnippchen, das man jemandem gespielt hat, sich selbst vielleicht." Aber der Lebensentwurf von Christa T., dieser ungewöhnlich eigenständigen, aus dem Rahmen fallenden Frau, ihre "Vision von sich selbst" scheitert - was als Kritik an einem Land gelesen werden muss, in dem individuelle Phantasie und die "Sehnsucht nach dem wirklich gelebten Leben" (Wolfgang Emmerich) nicht in Einklang zu bringen waren mit den herrschenden politischen Normen.
"Bettinen, sagt er, und Anetten gibt es nicht mehr, solltest du das nicht wissen? Das heißt? fragt Christa T. ihn.
Dass du unzeitgemäß bist.
Ja, sagt sie. Das kann sein. Dann werde ich nicht lange leben." Das Buch revoltiert mit einer leisen und doch ganz enormen Sprachmacht gegen die Kluft zwischen emanzipatorischem Anspruch und gesellschaftlicher Wirklichkeit.
"Kindheitsmuster" und "Sommerstück"
Hatte sich Christa Wolf mit diesem Text schon keine Freunde unter den Kulturfunktionären gemacht, so sorgte sie mit dem Erscheinen der "Kindheitsmuster" (1976) für eine neue Kontroverse (vgl. die Diskussion zwischen Annemarie Auer, Stephan Hermlin u. a. in Sinn und Form, Hefte 4 und 6/1977). Der komplexe Roman erkundet das Weiterwirken autoritärer Denkweisen und Verhaltensmuster aus der faschistischen Vergangenheit, die nicht einfach mit der Befreiung oder der Gründung der DDR verschwunden waren. Was eigentlich nur zu leicht nachvollziehbar war, zog jedoch das proklamierte Selbstverständnis der DDR grundsätzlich in Zweifel. So unbestreitbar der radikale Wandel nach 1945 auch war, darunter liegt doch immer noch "das Vergangene", das "nicht tot" ist, das "nicht einmal vergangen" ist.
"Es war dir eigentlich immer lieb gewesen - nur hast du gar nicht mehr daran gedacht -, nach dem Kriege nur durch Städte zu gehen, deren Lenin- und Stalinalleen du nicht als Adolf-Hitler- und Hermann-Göring-Straßen gekannt hast. Es hätte dir gar nichts daran gelegen, beim Spaziergang einem Lehrer zu begegnen, den Nelly jahrelang mit dem Deutschen Gruß gegrüßt hatte und zu dem du nun Guten Tag hättest sagen sollen. Und wenn Einheimische dir in ihren Städten, in die du alle paar Jahre als Neuling kamst, das Konsumwarenhaus zeigten und dazu sagten: Früher Wertheim, dann hattest du ein heimliches, ungerechtfertigtes Gefühl von Überlegenheit." Christa Wolfs Literatur hat Dinge zur Sprache gebracht, um von den vorgefertigten, leblosen Sprachhülsen wegzukommen, die das Sperrige, die Zweifel und Fragen zu lange ausgeblendet und so authentische Erfahrungen verhindert haben. Ihre Leser wussten genau, was sie an ihr hatten.
Aber spätestens im Sommerstück (Druckfassung 1987) lösen sich die Bemühungen um und die Hoffnungen auf einen erneuerten Sozialismus in der DDR allmählich auf, wofür symbolhaft die Schilderung der Natur steht: "Jetzt müssen wir von der Hitze reden. Die hatte erst angefangen, wir wussten noch nicht, dass es Die Hitze war. Ein schöner Sommer wird das, sagten die Leute. Ein warmer Sommer. Ein Hitzesommer. Die Zeitungen fingen an, ihn vorsichtig zu tadeln. Er hielt sich nicht an die Produktionspläne der Landwirtschaft. Wochen und Wochen fiel kein Tropfen Regen, und das in einer meernahen Gegend. Die Natur schien gegen sich selbst zu arbeiten." Dieser "merkwürdige Sommer", den Ellen, von der Stadt aufs Land geflohen, mit Freunden in Mecklenburg verbringt, bezeichnet die "Endlichkeit der Wunder", wie eine poetische Vorahnung, dass es so, so entfremdet und desillusioniert, sicher nicht mehr weitergehen kann: "Was bleibt, Steffi. Was bleibt. Ich seh uns dahinschmelzen wie unter zu starker Strahlung, ein zeitgemäßes Bild, ich weiß. Die Umrisse unserer Großeltern scheinen mir, verglichen mit unseren, dauerhafter zu sein. Ich sehe unsere Umrisse sich auflösen. Es scheint uns nicht bestimmt zu sein, Konturen zu gewinnen. Was alles haben wir ausprobiert, uns zu befestigen, in wie viele Häute sind wir geschlüpft, in wie vielen Räumen haben wir Schutz gesucht, Unser alter Trieb nach Höhlen, Wärme, Miteinandersein ist zu schwach gegen die Weltraumkälte, die hereinströmt. Und all die vielen Fotos, die wir von unseren vielen Gesichtern machen lassen, sind weniger haltbar als das steife Hochzeitsfoto unserer Großeltern." Dass mit der DDR auch ihre Literatur verschwinden müsse, kann am Beispiel von "Nachdenken über Christa T.", "Kindheitsmuster" oder "Sommerstück" leicht widerlegt werden, drei Höhepunkten neuerer deutschsprachiger Literatur. Ganz im Gegenteil eignen sie sich wie wenig andere Texte, um Auskunft darüber zu geben, wie es denn war und wie es denn anders, besser hätte sein können.
Michael Rieger