Georg Weerth

Georg Weerth, Vormärzdichter und Lumpenkommunist

Der revolutionäre Dichter voll Originalität und Witz starb vor 150 Jahren - Von S. S.

Nur 34 Jahre alt wurde Georg Weerth, „der erste und bedeutendste Dichter des deutschen Proletariats“ (Friedrich Engels). Dass er ein Revolutionär werden sollte, war seinem Leben nicht vorgezeichnet: Im Haus eines Geistlichen Superintendenten am 17. Februar 1822 im rheinpreußischen Detmold geboren, sollte er als Kaufmann Karriere machen. Und es war die Kaufmannstätigkeit, die ihn in dieWelt führte, bis nach Havanna, wo er am 30. Juli 1856 an Tropenfieber starb.

1836-1843
Mit 14 Jahren beginnt Georg Weerth eine kaufmännische Lehre in Elberfeld und ist seit 1839 im kaufmännischen Bereich berufstätig. Die Hingabe zu seinem Beruf wird bald abgelöst: In dieser Zeit entdeckt er sein Interesse für Literatur, für Heinrich Heine und andere Dichter des Vormärz. In der Dichterstadt Wuppertal findet er viele Möglichkeiten*1. Sonntags trifft man sich beim Kaffeekränzchen, die neuesten Verse werden vorgesprochen, die Waffen werden geschmiedet. Hier lernt Georg Weerth
Friedrich Engels und Ferdinand Freiligrath kennen.

1838 gibt es von GeorgWeerth die ersten unveröffentlichten Gedichte. Das Problem des Veröffentlichen oder besser des Nichtveröffentlichens seiner Gedichte zieht sich durch sein gesamtes literarisches Leben. „Dabei unterschied er sich von den meisten Poeten dadurch, dass ihm seine Gedichte, einmal hingeschrieben, total gleichgültig waren. Hatte er eine Abschrift davon an Marx oder mich geschickt, ließ er die Verse liegen und war oft nur schwer dazu zu bringen, sie irgendwo drucken zu lassen ...“ (Friedrich Engels). So wurde z. B. das Handwerksburschenlied im Nachlass von Karl Marx gefunden.

Ab 1840/41 arbeitetWeerth als Buchhalter, zuerst in Köln, anschließend in Bonn. 1843 schreibt er als Korrespondent für die „Kölnische Zeitung“. Literarisch war es eine heiße Zeit: Ferdinand Freiligrath lässt in seinem 1841 veröffentlichten Gedicht „Aus Spanien“ ausrufen, dass der Dichter auf einer höheren Warte als auf den Zinnen der Partei steht. Die Entgegnung folgt prompt: Georg Herwegh (von Heine die Eiserne Lerche genannt) in „Die Partei“:
„... Wie mag ein Dichter solch ein Wort verfemen, / Ein Wort, dass alles herrliche gebar? / Nur offen wie ein Mann: Für oder wider? / Und die Parole: Sklave oder frei? / Selbst Götter stiegen vom Olymp hernieder / Und kämpften auf der Zinne der Partei!“

1843 –1847
Als Weerth 1843 gegen antisemitischeÄußerungen Bonner Behörden protestiert, werden Spitzel auf ihn angesetzt. Weerth geht nach England, nach Bradford, wo er in einer Textilfabrik arbeitet und das armselige Leben der Arbeiter kennen lernt. Er hat Kontakt zu Friedrich Engels, der in Manchester wohnt, und mit dem er einen großen Teil seiner Zeit verbringt. Weerth veröffentlicht „Das Blumenfest der englischen Arbeiter“. Im Juli 1845 reist Weerth nach Brüssel, wo er nun auch Karl Marx kennen lernt. Im Herbst desselben Jahres kehrt er wieder nach England zurück und schreibt seine „Humoristischen Skizzen“. Die Arbeit daran wird allerdings unterbrochen, weil die geplante Zeitschrift, in der sie erscheinen sollten, an Geldmangel scheitert. Erst später, in der „Neuen Rheinischen Zeitung“, ergibt sich die Möglichkeit und Weerth schreibt die Fortsetzung.

 

Aus „Proklamation an die Frauen (1849)“, dem letzten Artikel in der „Neuen Rheinischen Zeitung“
Seit dem 1. Juni 1848, wo die „Neue Rheinische Zeitung“ wie ein fremder Wunderstern drohend und prächtig über Ländern und Meeren heraufstieg und wo das Feuilleton wie ein humoristischer Kometenschweif hinterdrein flackerte, hat dieser Kometenschweif so unbeschreiblich viel geleistet, dass meine freundlichen Leserinnen weinend ihre holden Gesichter verhüllen werden, wenn sie die schreckliche Kunde vernehmen, dass auch dieser Kometenschweif in der augenblicklichen Götterdämmerung der Neuen Rheinischen Zeitung, dem Auge profaner Sterblicher entrückt wird, um vielleicht erst später wieder den Himmel mit seinem saftigen Zickzack zu durchschießen.
„Und scheint die Sonne noch so schön, am Ende muss sie untergehn.“


1845/1846 befasst sich Weerth auch eingehender mit der englischen Arbeiterbewegung, den Chartisten. Seine eigenen Studien, seine Freundschaft mit Engels und Marx, lassen ihn zum Kommunisten reifen. Seiner Mutter schreibt er, er gehöre„zu den Lumpenkommunisten, welche man so mit Kot bewirft und deren einziges Verbrechen ist, dass sie für Arme und Unterdrückte zu Felde ziehen“. Er ist Mitglied des„Bundes der Kommunisten“ und er begleitet Marx Ende 1847 zum Londoner Kongress, auf dem der Auftrag zur Abfassung des „Manifestes der Kommunistischen Partei“ erteilt wurde. Die internationale Arbeiterklasse hatte sich eine gewaltige Stimme geschaffen: Ein Beispiele aus dem Jahr 1845:*2

Lieder aus Lancashire:

Sie saßen auf den Bänken,
Sie saßen um ihren Tisch.
Sie ließen Bier sich schenken
Und zechten fromm und frisch.
Sie kannten keine Sorgen,
Sie kannten kein Weh und Ach,
Sie kannten kein Gestern und Morgen,
Sie lebten nur diesen Tag.
Sie saßen unter der Erle –
Schön war des Sommers Zier.
Wilde zorn’ge Kerle
Aus York und Lancashire.
Sie sangen aus rauhen Kehlen,
Sie saßen bis zur Nacht,
Sie ließen sich erzählen
„Von der schlesischen Weberschlacht“.
Und als sie alles wussten, –
Tränen vergossen sie fast.
Auffuhren die robusten
Gesellen in toller Hast.
Sie ballten die Fäuste und schwangen
Die Hüte im Sturme da;
Wälder und Wiesen klagen:
„Glückauf, Silesia!“

Stimme der Globalisierungskritiker
1846 übernimmt Weerth die Vertretung einer Textilfirma übersiedelt dazu nach Brüssel.
1847 hält er im Namen „der Arbeiter und besonders der drei Millionen englischer Arbeiter, in deren Mitte ich mehrere der fruchtreichsten Jahre meines Lebens verbracht und deren Erinnerung stets eine der teuersten meines Herzens sein wird“ eine Rede auf dem Freihandelskongress in Brüssel, die ihn eigentlich zum Hausdichter von attac machen müsste. Hier ein Auszug:
... Im Namen dieser Millionen nun, die mit mir nicht glauben, dass der Freihandel eine Panazee (Allheilmittel) für ihre Leiden ist, fordere ich Sie auf, auch noch an andere Mittel als den Freihandel zu denken, wenn Sie die Lage der arbeitenden Klassen wirklich verbessern wollen. Denken Sie daran auch in Ihrem eigenen Interesse, meine Herren. Denn nicht mehr feindliche Einfälle der Kosaken haben Sie zu fürchten, aber den Krieg Ihrer Arbeiter gegen Sie, den Krieg der Armen gegen die Reichen, den Krieg der weißen Sklaven gegen ihre Unterdrücker.
Die Arbeiter sind satt der Versprechungen ohne Erfüllung; sie wollen nichts mehr wissen von den nimmer bezahlten Anweisungen auf den Himmel. Sie verlangen eine materiellere Genugtuung. Sie verlangen Taten von Ihnen; Ihren Worten trauen sie nicht mehr.
Und wundern Sie sich dessen nicht; die Arbeiter, die in London die Reform- Bill-Agitation unterstützt, die sich in den Gassen von Paris und Brüssel 1830 für Sie geschlagen, erinnern sich sehr gut, dass sie damals von Ihnen geliebkost und fetiert wurden, dass sie aber– als sie später Brot forderten, Arbeit verlangten, um zu leben –, dass sie da in Paris und in Lyon und in Manchester statt des Brotes Flintenkugeln erhielten. Und Sie, meine Herren aus Deutschland, denken Sie an das Riesengebirge und seine Weber; die Weber haben nichts vergessen und viel gelernt. Darum nochmals sage ich es Ihnen, meine Herren: Wollen Sie den Arbeitern wirklich helfen, so denken Sie auf etwas mehr als auf den Freihandel!

1848
Als die Revolution im Februar 1848 in Paris aufflammt, reist Weerth sofort dahin und ist begeistert. Knapp 4Wochen später erreicht die revolutionäreWelle, die über ganz Europa hinwegbraust, auch Deutschland. Aus dieser Zeit datiert sein Pfingstlied:

Sie herzten und sie küssten sich
Mit liebevoller Gebärde
Der junge Herr Frühling wonniglich,
Der besuchte die alte Frau Erde.

Er ist der guten, ehrlichen Frau
Mit eins an den Hals gesprungen,
Dass bis hinauf in den Himmel blau
Nur Lust und Jubel erklungen.
„Mein Sohn, es freut mich, dass du hier!

Lang währte des Winters Tosen.
Meine Felder brauchen die goldne Zier,
Meine Gärten Lilien und Rosen.

Verstummt sind all meine Nachtigalln
Seit ich dich verloren hatte;
Drum schmücke den Vögeln
die grünen Halln
Und den Hirschen die blumige Matte.

Ich habe so oft an dich gedacht,
Wenn es stürmte wilder und wilder,
Doch sprich, was hast du mir mitgebracht
Für die lieblichen Menschenbilder?"

„Für die Menschenbilder?“ versetzte da
Der junge Herr Frühling stutzend –
In die Tasche griff er behend: „Voilà!
Revolutionen ein Dutzend.“

Im Mai arbeitet er mit an der „Neuen Rheinischen Zeitung“, zu deren Redaktion neben Marx und Engels auch sein alter Bekannter Freiligrath gehört. Weerth ist verantwortlich für das Feuilleton.„Nach der 1848er Märzrevolution fanden wir uns alle in Köln zur Gründung der ,Neuen Rheinischen Zeitung’ zusammen. Weerth übernahm das Feuilleton, und ich bezweifle, ob je eine andere Zeitung ein so lustiges und schneidiges Feuilleton hatte ...“ (Friedrich Engels, Ende Mai 1883).
Nach den „humoristischen Skizzen“ arbeitet Weerth jetzt an einer anderen Fortsetzungsgeschichte unter dem Titel „Leben und Taten des berühmten Ritters Schnapphahnski“, in der er die ostelbischen Junker in der Figur des Ritters Schnapphahnski verhöhnt und verspottet. Wie sehr Georg Weerth diese Zeit genossen hat und wie enttäuscht er von der Niederlage war, zeigt ein Auszug aus einem Brief an Karl Marx, vom 28. April
1851:
„Ich habe in der letzten Zeit allerlei geschrieben, aber nichts beendigt, denn ich sehe gar keinen Zweck, kein Ziel bei der Schriftstellerei. Wenn Du etwas über Nationalökonomie schreibst, so hat das Sinn und Verstand. Aber ich? Dürftige Witze, schlechte Spaße reißen, um den vaterländischen Fratzen ein blödes Lächeln abzulocken – wahrhaftig, ich kenne nichts Erbärmlicheres! Meine schriftstellerische Tätigkeit ging entschieden mit der ,Neuen Rheinischen Zeitung’ zugrunde. Ich muss gestehen: so leid es mir tut, die letzten drei Jahre für nichts und wieder nichts verloren zu haben, so sehr freut es mich, wenn ich an unsere Kölner Residenz denke. Wir haben uns nicht kompromittiert. Das ist die Hauptsache! Seit Friedrich dem Großen hat niemand das deutsche Volk so sehr en canaille behandelt wie die ,Neue Rheinische Zeitung’. Ich will nicht sagen, dass dies mein Verdienst war; aber ich bin dabei gewesen ...“, Weerth an Marx, Hamburg, 28. April 1851
Das Ende der Revolution – und mit ihr auch der „Neuen Rheinischen Zeitung“ – bedeutet das Ende vonWeerths journalistischer Tätigkeit. Er arbeitet jetzt wieder für eine Hamburger Firma und muss, weil er beruflich auch in Deutschland zu tun hat, eine dreimonatige Gefängnisstrafe absitzen. 1851 begegnet er schließlich Heinrich Heine in dessen„Matratzengruft“. Im Jahr darauf lernt Weerth seine „Traumfrau“ Betty Tendering kennen, was ihn in den kommenden Jahren zu manchem Liebesbrief inspiriert. 1852 ist Weerth noch einmal in England, erst bei Marx in London, dann bei Engels in Manchester, bevor er eine Agentur in der Karibik übernimmt und Europa verlässt. Er bereist ganz Südamerika, Chile, Argentinien, Brasilien, Venezuela, Mexiko, Kalifornien, Kuba. 1855 kehrt er noch einmal nach Europa zurück, und besucht dabei auch Marx in London. Seine Liebe erfüllt sich nicht: Betty Tendering lehnt eine Heirat ab. Er reist zurück nach Amerika, auf Haiti befällt ihn das Tropenfieber, er stirbt am 30. Juli 1856 in Havanna.
Dort erinnert noch heute eine Bronzetafel mit Engels’ Würdigung in deutscher und spanischer Sprache an den ersten Dichter des deutschen Proletariats.



*1 Ein Lesetipp: Der Schriftsteller Walter Baumert lässt diese
Zeit in seinem Buch „Der Flug des Falken – die rebellische Jugend
des Friedrich Engels“ lebendig werden.

Hörtipp:Wer Georg Weerth und andere 1848 nicht nur lesen
sondern auch hören möchte: CD Dieter Süverkrüp, 1848

Georg Weerth, Leben und Taten des berühmten Ritters Schnapphahnski
(Teil 1)
(Teil 2)
(Teil 3)

Zum Runterladen hier Klicken. (Worddatei)
(Teil 1)
(Teil 2)
(Teil 3)

 

Pfingstlied

Zum Runterladen:
Texte von und über Georg Weerth

Biographie von Georg Weerth

Rede auf dem Freihandelskongreß in Brüssel

Das Blumenfest der englischen Arbeiter

Die Wohltaten des Herzogs von Marlborough

Feargus O'Connor

Programmheft zum 145. Todestag
Titelblatt
Lebenslauf
Lebenslauf-2
Sie sassen auf den Bänken
Das Hungerlied
Das Handwerksburschenlied
Freihandelskongreß
Lebenslauf-3
Pfingstlied
Proletarier
Lebenslauf-4
Proklamation an die Frauen
Ferdinand Freiligrath
Georg Herwegh
Bettina von Arnim
Karl Marx & Friedrich Engels

Programmheft zum 145. Todestag komplett
als gepackte Datei im ZIP-Fromat

 

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